KAMPF.
Er besteht aus Schlägen und Tritten, aber auch aus Wörtern, Lauten und Mimik.
Er ist sichtbar, aber auch formlos. Er hält sich nicht an Strukturen.
Er ist nicht nur physisch, sondern auch geistig und mental.
Er entsteht ausserhalb von uns, aber auch in uns.
Er ist von den äusseren Umständen abhängig, aber auch von den Inneren.
Er kann sich GEGEN etwas oder jemanden richten, aber auch FÜR etwas oder jemanden sein.
Kampf wird oft mit Wut oder Aggression in Verbindung gebracht, er kann aber auch emotionslos, ja sogar friedvoll sein.
Kampf heisst auch "nicht kämpfen".
Kampf kennt nicht nur abblocken und kontern, sondern auch umleiten, entgegennehmen, absorbieren oder ausweichen.
Kampf ist auch ohne Bewegung nicht im Stillstand.
Kampf kennt nicht nur Niederlage und Sieg.
Kampf ist nicht immer fair oder gerecht. Jedoch kann der Nachteil auch zum Vorteil werden.
Kampf heisst eine Situation zu akzeptieren, wie sie ist, dabei aber nicht zu resignieren.
Kampf bedeutet im stetigen Fluss und Wandel zu sein.
Jiro Waga
Die Faszination der Kampfkunst prägt mich seit meiner Kindheit. Aus Faszination wurde Tätigkeit und Berufung. Der Kampf ist für mich ein Ort zum Lernen und an mir selber zu arbeiten. Meine eigenen Grenzen zu erkennen und ein Stück darüber hinaus zu gehen. Den Weg der Kampfkunst zu gehen, umfasst viele Aspekte, wie die Kontrolle der Emotionen, Angst und Schmerzen, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Empathie, Fokus, Aufmerksamkeit und vieles mehr.
Ich fand den Weg in die Kampfkunst über das Tae Kwon Do und kam mit 14 Jahren zum Hung Ga Kung Fu, einem traditionellen, südchinesischen Kampfsystem. In der Hung Gar Kung Fu Schule von Sifu Martin Sewer war ich während 18 Jahren als Schüler und als Instruktor und Sifu (Meister) tätig. Ich absolvierte sein Gradierungssystem bis zum Schwarzgurt und legte die Prüfungen bis zum 4. Dan unter Grossmeister Chiu Chi Ling ab. Ich durfte an nationalen Turnieren und internationalen Europa- und Weltmeisterschaften wertvolle Erfahrungen sammeln, sowohl als Kämpfer, als auch als Schiedsrichter.
In all den Jahren des Trainings und auch weltweiten Reisen wegen Trainingslagern, Seminaren und Turnieren, durfte ich viele Menschen kennenlernen: Schüler, Lehrer, Kämpfer aber auch Nichtkampfkünstler, die eine gewisse Faszination in mir auslösten. Jede Begegnung hat mich auf meinem persönlichen Weg ein Stück weitergebracht, und ich fand meine Aufgabe darin, anderen den Weg des Kampfes und des Hung Ga Kung Fus näher zu bringen. Es macht mir viel Freude, andere zu unterstützen, gemeinsam neue Wege und Fähigkeiten zu entdecken und die Grenzen der Belastbarkeit neu zu definieren.
Prinzipien der Schule
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Kampfkunst als Ganzes.
Hung Ga ist ein kleiner Teil in der Gesamtzahl aller Kampfkunststile. Auch wenn der Stil für mich sehr gut passt und komplett ist, so soll kein Stil über einen anderen gestelt werden. In verschiedenen Stilen oder Kampfkunstarten wird oft vom Gleichen geredet, es wird nur anders benannt, oder es unterliegt einer anderen Interpretation. Ein Stil allein macht noch keinen grossen Kämpfer aus. Die Vielfältigkeit der Kampfkünste kann und soll auf die vielen individuellen Ansprüche jedes Einzelnen anwendbar sein.
Die beste Kampfkunst ist die, welche die Gesundheit, Wünsche, Interessen und Freude jedes Einzelnen schützt und uns hilft, seinen Mitmenschen mit Respekt und Offenheit zu begegnen. -
Bescheidenheit über Gradierungen.
Sich in stetiger Bescheidenheit zu üben, ist mir wichtig. Denn um sich im Geiste frei zu machen, die Bewegung und Energien zu spüren und frei zu sein von Vorurteilen, bin ich der Meinung, dass eine gewisse Bescheidenheit unabdingbar ist. Sich dabei von Gradierung und Status zu lösen, gehört für mich dazu.
Der Kämpfer der sich auf eine Gradierung verlässt, läuft Gefahr, sich zu überschätzen oder andere zu unterschätzen. Kein Kampf wurde je über die Farbe eines Gürtels um den Bauch entschieden. -
Zeit.
Gebe Dir selber die Zeit und die Geduld, die jeder individuell braucht, um seinen Zielen und Wünschen gerecht zu werden.
Es braucht Zeit, sich Kung Fu anzueignen. Anfangs schaut man sich das Kung Fu ab, aber irgendwann soll es individuell und zu deinem ganz persönlichen und eigenen Kung Fu werden. Sich dabei die Ziele nicht zu hoch zustecken ist ein wichtiger (Lern)Prozess. -
Sei Du selbst.
Als Schüler kopiert man zwangsläufig die Bewegung des Lehrers. Am Anfang. Jedoch ist jeder Mensch einzigartig, im Körperbau sowie im Geiste, und jeder hat seine Stärken und Schwächen, sowie Einstellungen und Lebenserfahrungen. Kampfkunst ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Bewegungen. Es ist wichtig, zu spüren, wie sich die Bewegung auf den eigenen Körper auswirkt. Um sich selber sein zu können, braucht es neben dem Entwickeln eines guten Gespürs für sich selber und viel Selbstreflektion, auch Offenheit und Respekt gegenüber jedem in der Schule, auch vor dir selber. Es ist wichtig, eine gewisse Akzeptanz gegenüber den Werten und Wünschen seiner Mitschüler aufzubringen, aber auch gegenüber seinen eigenen.
“Sehe zuerst mit deinem Geist, dann mit den Augen und zum Schluss mit deinem Körper.”
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Meister, Lehrer und Schüler.
Selbst als Meister oder Lehrer ist man auch Schüler. Die Schüler lernen vom Meister und der Meister von den Schülern.
Stimmt diese Konstellation, und ist der gegenseitige Respekt vorhanden, ist kein Hierarchiesystem von Nöten. -
Hung Ga Boxing.
Mir war der Kampfaspekt immer sehr wichtig. Während der Kampf für mich als Kind zwar überaus oberflächlich, hat er sich mittlerweile für mich zu einem physischen, geistigen und mentalen Weg entwickelt. Das "Boxing" im Namen der Schule soll diesen Bezug zum Kampf verdeutlichen.
Wir alle kämpfen tagtäglich in unserem Leben. Eine Kampfkunst aber befasst sich mit allen Facetten und Gesichtern des Kampfes. Die Kunst besteht darin, diese in den Bewegungen lesen zu lernen.
Dieser Facettenreichtum, welcher in Form von Techniken und Prinzipien zum Ausdruck kommt und dessen tiefe Bedeutung zu verstehen, gehört für mich zur grössten Faszination der Kampfkunst.